Andere Familienmitglieder

Emma Carola Woerishoffer       1885 - 1911

ECW war die jüngere Schwester von Antoinette S., die im Alter von 26 Jahren bei einem Autounfall in Canonsville, Delaware County, 150 Meilen nordöstlich von Manhattan, ums Leben kam.  Hier ist der Nachruf, wie er in der NY Times erschien.

EDITORIAL,  THE NEW YORK TIMES
September 15, 1911

EIN PRAKTISCHER ALTRUIST

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Das verstorbene Fräulein Carola Woerishoffer repräsentierte in hohem Maße den altruistischen Geist, der sich so selten manifestierte, wie es scheint, in einer kommerziellen Ära. Die Geschichte ihrer kurzen Karriere wäre eine interessante Studie der praktischen Ethik und auch eine wichtige.  Sie wurde zu Reichtum geboren, war jung und in der sozialen Welt stark vernetzt. Dennoch entschied sie sich, eine Arbeiterin zum Wohle anderer zu sein, und der praktische Nutzen, auf den sie ihr ungewöhnliches Talent für altruistischen Dienst anwandte, machte ihre Karriere so bemerkenswert.  Sie begnügte sich nicht mit der Spende von Almosen oder suchte auch nur die Leitung karitativer Einrichtungen.  Im Gegenteil, sie arbeitete daran, aus erster Hand etwas über die Schmerzen und Lasten der arbeitenden Menschen zu erfahren, und sie erhielt auf reguläre Weise, durch die Prüfung des öffentlichen Dienstes, eine Ernennung zum Sonderinspektor für Arbeit unter dem Büro für Industrie und Einwanderung.  Ihre Dienste in diesem Amt von kleiner Auszeichnung und viel harter Arbeit waren, wie wir glauben, von unschätzbarem Wert.

Zum Zeitpunkt ihres Todes untersuchte sie die Lager und kleinen Gemeinschaften ausländischer Arbeiter in verschiedenen Teilen des Staates.  Sie hatte zehn Monate lang auf diese Weise gearbeitet, als sie bei einem Autounfall ums Leben kam, und hatte ihr eigenes Geld frei, aber weise ausgegeben, um Armut und Krankheit zu lindern.  Abgesehen von dem vergleichsweise geringen Gehalt, das mit ihrem Büro verbunden war, gab es keine Möglichkeit der Belohnung. Ihre Dienste gehörten zu den Niedrigen, und durch sie war es unwahrscheinlich, dass sie Ruhm erlangte. Aber sie fand das erforderliche Ventil für ihre ungewöhnlichen Gaben, und ihre Entschädigung bestand darin, dass sie das Gefühl hatte, dass sie auf praktische Weise Gutes tat.  Sie war in der Tat eine praktische Altruistin, und ihr Tod ist ein Verlust für die Gemeinschaft.

 

Bryn Mawr Hochschule

Visionäre Gründer

Die Geschichte von Bryn Mawrs Rolle als Führungskraft in der Ausbildung in der Sozialarbeit beginnt mit zwei Frauen: Emma Carola Woerishoffer, AB 1907, und M. Carey Thomas, Bryn Mawrs zweiter Präsident (von 1894-1922).  Woerishoffers außerordentlich großzügiges Vermächtnis von 750.000 US-Dollar (mehr als 14 Millionen US-Dollar in heutigen Dollar) lieferte die Ressourcen, mit denen Thomas ihre Vision verwirklichen konnte, eine Ausbildung in Sozialarbeit bei Bryn Mawr anzubieten.

Woerishoffer, eine wohlhabende junge Frau aus New York, kam 1903 als Studentin an das College und belegte in ihren vier Jahren auf dem Campus alle fortgeschrittenen Kurse in Wirtschaft, Philosophie, Politik und Psychologie. Nach ihrem Abschluss engagierte sie sich für soziale Belange, insbesondere für Arbeiterinnen und die Women's Trade Union League in New York. 1909 wurde sie für vier Monate Fabrikarbeiterin, um die Probleme und Bedürfnisse von Arbeiterinnen besser zu verstehen. Im selben Jahr spielte sie eine Schlüsselrolle im "Hemdtaillenstreik" und leistete Kaution für Hunderte von Textilarbeitern, die verhaftet worden waren, weil sie gegen ihre Arbeitsbedingungen protestiert hatten. Als 1910 das Bureau of Industries and Immigration gegründet wurde, machte sich Woerishoffer an die Arbeit, inspizierte die Bedingungen in den Lagern der ausländischen Arbeiter und empfahl Verbesserungen. Im Jahr 1911, als sie von einer Inspektionstour durch Arbeitslager für Einwanderer nach Hause zurückkehrte, die für das New Yorker Arbeitsministerium unternommen wurde, rutschte ihr Auto in einer schlammigen Kurve und stürzte über eine Böschung. Sie wurde schwer verletzt und starb am nächsten Tag. In ihrem Testament, das sie in ihrem letzten Jahr gemacht hatte, hinterließ Woerishoffer dem College 750.000 Dollar, das größte Geschenk in der Geschichte von Bryn Mawr zu dieser Zeit, und bat darum, dass es von den Treuhändern verwendet wird, "damit andere auf die Sozialarbeit vorbereitet werden, wie ich es war".

Auf Drängen von Präsident Thomas wurden 250.000 US-Dollar aus Woerishoffers Vermächtnis verwendet, um die Carola Woerishoffer-Abteilung für Sozialwirtschaft und Sozialforschung zu gründen. Obwohl einige Alumnae zu dieser Zeit dachten, dass eine professionelle Graduiertenschule das College beflecken würde, hatte Thomas keinen Zweifel daran, dass eine solche Schule zu Bryn Mawr gehörte. Sie war der Meinung, dass dies die Mission des Colleges und das anhaltende Engagement für eine bessere Bildung für Frauen gut widerspiegelte, und argumentierte 1915 im Bryn Mawr Alumnae Quarterly, dass 90 Prozent der Bryn Mawr-Absolventen, die eine professionelle Arbeit aufnahmen, entweder unterrichteten oder sich für "soziale Verbesserung, bezahlt oder unbezahlt" engagierten. Sie kam daher zu dem Schluss, dass "dies die beiden rein berufsbildenden Universitätsschulen sind, die Bryn Mawr unterhalten sollte.

http://archive.org/details/bulletin1918bryn
https://www.brynmawr.edu/about

 

 

The Trade Union eBook    (Gutenberg Project)

Alice Henry

"Am anderen Ende der sozialen Skala, aber begeistert von dem gleichen selbstlosen Wunsch, die Bedingungen der Werktätigen zu verbessern, stand Carola Woerishoffer, das reiche College-Mädchen, das, sobald sie sich für die Sache einsetzte, sich nie verschonte, heute streikte, morgen Anleihen für den neuesten Gefangenen des Streiks gab und einen ganzen heißen Sommer in einer Wäscherei verbrachte.  dass sie aus erster Hand weiß, was der Werktätige dafür bezahlt, dass wir saubere Kleidung tragen dürfen.

Und so weiter, bis zur letzten traurigen Szene von allen, als sie als Inspektorin des New York State Immigration Bureau Dienst tat, ihr Auto kenterte und Carola Woerishoffers kurzer, anstrengender Dienst an der Menschheit beendet wurde.

 


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SONNTAGSBLATT DER NEW YORKER ZEITUNG

17. SEPTEMBER 1911

UNTER UNS FRAUEN

 

„Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht“

Der Moloch unserer Tage, das Automobil, hat in dieser Woche, wie in allen anderen des Jahres, seine Opfer gefordert. Eines derselben ist eine junge Dame, deren Hinscheiden an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben kann – aus verschiedenen Gründen.  Es ist zunächst eine Pflicht der Pietät, die ich erfülle, wenn ich hier erwähne, daß Frl. Clara Wörishoffer, die Enkelin der Gründerin und einstigen Besitzerin dieses Blattes, der zu Ehren dieses Departement seinen Namen trägt, in bemerkenswerter Weise die Geistesrichtung und die Tatkraft ihrer Großmutter geerbt hatte und wie Mutter und Großmutter das Gefühl in sich tragend in die Praxis übersetzte: daß Reichtum verpflichtet! Das Bibelwort von den Pfunden, die treu zu verwalten sind, ist von ihnen allen hoch gehalten worden.

Müßiggang, Verschwendung, jene Art raffinierten Lebensgenusses, der sich aufdringlich bemerkbar macht und in den Stiefkindern des Schicksals Erbitterung erzeugt, das sind Dinge, die man in dieser Familie nicht an sich herankommen ließ. Was die ältere Generation in unermüdlicher Arbeit erwarb und durch vorsichtige Verwaltung vermehrte, das wurde von jeher dem Dienste der Menschenliebe geweiht. Und dieses Erbe hatte nach dem Tode der Eltern die Tochter in vollem Umfang angetreten. Es ist nicht meine Absicht, und ist wohl auch nicht nötig, daß ich heute und hier alles das aufzähle, was zwei Generationen für das Deutschtum der Stadt New York, für all die armen Menschen getan haben, die trotz besten Willens nicht soweit kommen konnten, in den Tagen der Not sich selbst helfen zu können. Wohl aber möchte ich in diesem Augenblicke darauf hindeuten, daß Werte der Menschenliebe geübt wurden, von denen nur ich allein weiß, und die kein anderer Mensch je erfahren soll.

Solches Beispiel vor Augen, solche Atmosphäre im Hause, konnten nicht verfehlen, auf das heranwachsende Mädchen einen bestimmten Einfluß auszuüben. Eine natürliche, hohe Begabung, der wie oben angedeutet, auf das Praktische und Tatsächliche gerichtete Sinn, zusammen mit einer sorgfältigen häuslichen Erziehung und einer gründlichen modernen Ausbildung auf dem College Bryn Mawr, wo Frl. Wörishoffer außer den allgemeinen Fächern Sozialwissenschaft und Jurisprudenz studierte, führte sie auf den Weg einer sozialen Wirksamkeit, die sicherlich bahnbrechend genannt werden darf. 

Entsagend jeder Annehmlichkeit, die ihre Mittel ihr gestatteten, verzichtend auf jeden Genuß, wie er selbst Minderbemittelten ein Bedürfniß ist, widmete sich Frl. Wörishoffer mit tiefem Ernst und großer Aufopferung dem Studium der Lebensverhältnisse von armen Arbeiterinnen. Sie gab die gewohnte alljährliche Europareise auf, denn sie wollte die Verhältnisse genau kennen lernen, wollte studieren, wie die sommerliche Geschäftsflauheit und Verdienstlosigkeit in materieller Beziehung, und wie die Sommerhitze in den Massenquartieren in hygienischer Beziehung das Leben der Armen beeinflussen.

Frl. Wörishoffer hatte sich namentlich drei Dinge zum Ziel gesetzt: Sie wollte den ums tägliche Brot hart ringenden Schwestern bessere soziale Zustände in die Wege leiten; sie wollte die Arbeiterfürsorge fördern, namentlich die Sicherstellung der arbeitenden Klassen für Zeiten der Arbeitslosigkeit, und wollte die betreffenden Klassen dazu erziehen helfen, aus eigenem Bedürfniß heraus ein menschenwürdigeres und hygienischeres Privatleben anzustreben. Um unparteiisch urteilen zu können, um nicht auf die einseitigen Auskünfte des einen oder anderen Theiles angewiesen zu sein, nahm sie selbst die Stelle einer Arbeiterin an und richtete dabei ihr Augenmerk auf den Grad der Gefahren, die der Industriearbeiterin im Betriebe drohen und auf den Umfang der Haftpflicht des Arbeitgebers.

Sie meldete sich dann zur Arbeit im Bureau des „State Department of Labor“ und begleitete dort die Stelle einer Arbeits-Inspektorin (nebenbei gesagt, war es in Erledigung dieser Pflicht, daß sie den frühen Tod erlitt. Auf einer Fahrt verlor sie anscheinend die Kontrolle über die Maschine und der Kraftwagen stürzte einen Abhang hinunter). Letzten Winter studirte sie, um ihren Schützlingen besser helfen zu können, zwei orientalische Sprachen, wohl wissend, daß die Klasse von Arbeiterinnen, deren Wohl sie anstrebte, am leichtesten und vollkommensten dem vertrauen, der ihre Sprache spricht. Die Hauptsprachen beherrschte sie ohnehin.

Sie ist dahin gegangen, in der Blüte ihrer Jahre, den Geist erfüllt von großen, weittragenden Plänen, das Herz zugeneigt denen, die sie emporzuheben gedachte zu einer menschenwürdigen Existenz, zu einer mehr intelligenten Bewertung des Daseins, die eine erste Bedingung zum Menschenglück ist. Man braucht sich an der Bahre des Frl. Wörishoffer nicht erst auf den Spruch zu besinnen, daß man den Todten nur Gutes nachsage, es ist vielmehr eine Wahrheit, die sich jedem Menschen aufdrängen muß: hier ist ein großer Zukunftswert unterbrochen worden durch den erbarmungslosen Allbezwinger Tod!  Wenn man das unentwegte Wirken der Toten beobachtet hat in den wenigen Jahren, seit sie von Bryn Mawr graduierte, da fühlt man, daß die Zukunft zu hohen Erwartungen berechtigen mußte. Und daß nicht ich allein, trotz der eben betonten Pflicht der Pietät, in dieser Weise urteile, beweist unseren Lesern der nachstehend zitierte Leitartikel aus einem unserer anglo-amerikanischen Blättern, der „Evening Post“ vom 12. September. Es ist überhaupt unmöglich, anders zu urteilen. Und dieses Eingehen auf das Streben einer Frau der jüngeren Generation, ist eben eine weitere Pflicht, der in dieser Abteilung, wie oben erwähnt, genügt werden muß.

Es heißt da also:

„Wenn man sagt, daß Staat und Stadt durch den Tod des Frl. Carola Wörishoffer bei einem Auto-Unfall einen schweren Verlust erlitten haben, mag das manchem der Leser als Übertreibung erscheinen.  Die junge Dame war nur 25 Jahre alt, ihr Name in weiteren Kreisen nicht bekannt, und daß sie reich war, gab ihr, so interessant es auch sein mag, im Allgemeinen keine Ausnahmestellung in dieser Stadt des Reichtums.  Und doch möchten wir obige Behauptung nicht um ein Jota modifizieren. Frl. Wörishoffer ererbte mit ihrem Vermögen eine seltene Erkenntnis öffentlicher Pflichten, die moralisch mit großen Mitteln verknüpft sind. Von ungewöhnlichen Fähigkeiten widmete sie sich in früher Jugend dem Problem des arbeitenden Volkes, nicht lediglich durch theoretisches Studium, sondern indem sie tatsächlich sich unter sie Leute mischte und ihre Lasten mit ihnen trug. So war sie bereit und willens in Wäschereien zu arbeiten, um die Lage der Arbeiterinnen in diesen zu erkunden. Den reichen Nichtstuern von Newport oder der Fünften Avenue würde ein solches Vorgehen zweifellos nicht nur einen plebejischen Beigeschmack verraten, sondern direkt vulgär erscheinen. In der Tat muß Frl. Wörishoffer ein Rätsel für sie alle gewesen sein. Sie, die es in ihrer Macht hatte, wenn sie wollte, in der Presse, die persönlichen Nachrichten kultiviert, in der Rolle einer Erbin und Schwester einer Gräfin an hervorragender Stelle zu erscheinen, Bälle und „Functions“ zu besuchen und ihre Loge in der Oper zu besitzen, zog in Wirklichkeit die bescheidene Tätigkeit einer staatlichen Arbeits-Inspektorin vor, und dieser ging sie nach, als der Unfall sich ereignete. Nach unserem Empfinden hatte Frl. Wörishoffer schon ausgezeichnete Dienste in dem Kreuzzuge der Humanität geleistet. Ihr leuchtendes Beispiel sollte viele andere bewegen, in ihre Fußstapfen zu treten“.

Soweit die „Evening Post“. – Ich knüpfe an die Schlussworte des Artikels an, indem ich der Überzeugung Ausdruck verleih, daß das so früh abgeschlossene Wirken der Dahingeschiedenen wohl kaum ganz umsonst gewesen ist. Der Same ist gesäet und die Saat ist aufgegangen, wenn auch nicht zur Reife gelangt. Es werden, durch ein derart erhabenes Beispiel aufgerüttelt, sich hoffentlich Andere finden, die die Arbeit da aufnehmen, wo die im Tod erstarrenden Hände sie sinken lassen mußten. Es werden sich Andere finden, die ihrem Vorbild folgend, den Besitz unter dem Goetheschen Gesichtspunkte betrachten: „ Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb’ es, um es zu besitzen“. An dieser Bahre muß auch der rabiateste „Feind der Besitzenden“ ehrfurchtsvoll sein Haupt entblößen. Die Dahingeschiedene hat es verstanden, wie ihre älteren Familienmitglieder, Unzufriedenen die Waffe zu entwinden und ihnen zu beweisen, daß reiche Mittel nicht jedes Herz verhärten.

Sie hat diesen Mitteln für sich selbst nicht mehr entnommen, als den einfachsten Lebensbedarf, aber die Öffentlichkeit wird nie erfahren, was sie im Stillen Gutes getan hat. Sie hatte ein Recht auf den Lebensgenuß der Jugend und des Reichtums, sie hat ihm entsagt um ihrer ärmeren Schwestern willen. Ganz verloren kann ein solches Beispiel und ein solches Wirken niemals sein. Die Früchte werden reifen, und wenn es eine Gerechtigkeit in der Welt gibt, dann wird der Name Carola Wörishoffer in den Reihen derer fortleben, die Gutes und Edles zu schätzen wissen, und namentlich in den Reihen derer, denen diese Früchte zugute kommen.

(...) und kindlichen Übermutes. Dieses kräftige, überschäumende Naturell, verbunden mit den äußeren Verhältnissen, ließ vermuten, daß sie dereinst das Leben so recht froh und aus dem Vollen genießen werde. Nie hätte ich es für möglich gehalten, daß sie sich in so ernster Wiese den Weg der Pflicht bahnen würde. Die letzten 10-11 Jahre haben der Familie schwere Schicksalsschläge zugefügt, eins um das andere sah die Mutter der nun Verstorbenen ihre Lieben um sich herum dahin gehen; vor mehreren Jahren sank die älteste Tochter, Gräfin Seilern ins Grab, ungefähr im gleichen Alter als jetzt die Schwester, da wurde es stiller und stiller um die schwer geprüfte Frau. Diese jüngste Tochter war alles was ihr geblieben, nun ist auch sie dahin. Nur jenseits des Oceans leben noch zwei Schwestern von Frau Wörishoffer.

Ich habe mich kaum je so bis ins Innerste erschüttert gefühlt, so geradezu erbittert, bei einem Schlage, der Andere getroffen, als in diesem Falle. Wer das leben der Dame kennt, so still, so ernst, so gänzlich dem Wohle der leidenden Menschheit gewidmet, nichts für sich begehrend, das Herz und Gemüt offen für fremde Leiden, der muß sich sagen: hier ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dieser letzte, entsetzliche Schlag hätte dieser edlen, ohnehin so einsamen Frau erspart bleiben müssen! Vor einem Jahre, als ich selbst Schweres erlitten, da hatte sie von Europa aus schriftlich, nach ihrer Rückkehr persönlich alles Liebe und Gute auf mich gehäuft, denn „ich weiß wie es tut“ meinte sie. Und nun, was soll man sagen und tun, um sie zu trösten, die ihr Letztes, Liebstes hergeben musste, unter so entsetzlichen Umständen (die Mutter weilte bei Eintritt der Katastrophe noch zum Besuche der Schwestern in Europa. Die Tochter wollte hier ihre Pflichten nicht verlassen). Was soll man tun, um zu trösten, trotzdem man „weiß wie es tut?“

Da kann man, nachdem man eigenes Schicksal gefasst getragen, nicht umhin, anzuklagen! Wohlzutun und mitzuteilen in dem fürstlichen maße, wie sie es tut, nach allen Richtungen hin, schafft wohl innere Befriedigung, aber ganz und allein kann es ein Menschenleben denn doch nicht erfüllen, ein bischen Glück, ein einziges, muß der Mensch für sich behalten dürfen.

 

Briefkasten der Frau Anna
Adresse: „Frau Anna“, „N.Y. SAATS-ZEITUNG, P.O.B 1207 New York City.

 

 


 

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